Weihnachten mit Essstörung

Weihnachten mit Essstörung

Wie Eltern Halt geben können, ohne zusätzlichen Druck auszulösen

Weihnachten soll eigentlich verbinden. Stattdessen löst es bei vielen Familien gerade dann besondere Anspannung aus, wenn ein Kind von einer Essstörung betroffen ist – oder wenn der Verdacht im Raum steht.
Familienessen, Erwartungen, Kommentare, Traditionen. All das kann für Jugendliche mit Essproblemen schnell zur inneren Belastungsprobe werden. Und für Eltern zur gefühlten Gratwanderung zwischen Sorge, Hilflosigkeit und Angst, etwas falsch zu machen.

„Soll ich etwas sagen – oder lieber schweigen?“
„Mache ich alles schlimmer, wenn ich das Thema Essen anspreche?“

Diese Fragen stellen sich unzählige Eltern. Und sie sind absolut verständlich.

Warum Weihnachten mit Essstörung oft besonders belastend ist

In der Weihnachtszeit verdichtet sich vieles:

  • Der Druck, dass „alles schön sein muss“, wächst
  • Essen ist überall präsent: Plätzchen, gemeinsame Mahlzeiten, Süßigkeiten und das Weihnachtsessen mit der ganzen Familie
  • Soziale Nähe steigt, Rückzug wird schwieriger
  • Kommentare von Verwandten bleiben oft nicht aus

Für Jugendliche mit einer Essstörung – egal ob Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating-Problematik – kann das innere Anspannung, Angst vor dem Weihnachtsessen oder auch das Gefühl von Kontrollverlust verstärken. Viele Betroffene verspüren oft sogar Panik vor den bevorstehenden Familienessen.

Für Eltern und Betroffene entsteht dadurch zusätzlicher Druck, „alles richtig machen zu müssen“.

Wenn Worte unbeabsichtigt triggern – und warum das so schnell passiert

Viele Sätze fallen nicht aus böser Absicht sondern aus Sorge, Unsicherheit oder Gewohnheit. Trotzdem können sie stark verunsichern:

  • „Du siehst doch gut aus – so schlimm kann es nicht sein.“
  • „Iss doch wenigstens ein bisschen.“
  • „Nur den halben Teller leer gegessen? So wirst du aber nicht zunehmen.“
  • „An Weihnachten darf man auch mal genießen.“

Was liebevoll gemeint ist, kommt beim Kind oft als Druck, Kontrolle oder Vorwurf an. Gerade an Weihnachtsfeiertagen, wenn die emotionale Grundspannung ohnehin höher ist, wirken diese Aussagen besonders stark.

Tipps für ein möglichst triggerfreies Weihnachtsfest trotz Essstörung

So kannst du dich und dein Kind gut auf Weihnachten vorbereiten und euch gemeinsam ein gutes Gefühl geben:

1. Vorab Druck rausnehmen

Sprecht nicht erst am Heiligabend über Sorgen, sondern einige Tage vorher in ruhiger Atmosphäre.
Zum Beispiel:
„Ich möchte, dass Weihnachten für dich so stressfrei wie möglich ist. Was brauchst du von uns, um dich wohlzufühlen?“
„Du musst an diesen Tagen nichts leisten und nichts beweisen.“
Allein diese Sätze können enormen inneren Druck nehmen.

2. Essen nicht zum Dauerthema machen

Je stärker jede Mahlzeit in den Vordergrund rückt, desto größer wird oft die innere Anspannung.

Statt Kontrolle helfen oft:

  • Gespräche über Schule, Musik, Serien oder Hobbys
  • Gemeinsame Zeit ohne Essensfokus: z.B. gemeinsame Spiele, Fotos anschauen, Weihnachtsmusik hören
  • Pausen erlauben, ohne sie zu kommentieren

Nicht jedes Schweigen ist Vermeidung – manchmal ist es Schutz.

3. Verwandte vorbereiten und Grenzen setzen

Viele Trigger entstehen durch Außenstehende. Du darfst dein Kind hier aktiv schützen und das vorab an die Familienmitglieder kommunizieren:

  • „Bitte kommentiert das Essen oder den Körper nicht.“
  • „Wir machen das dieses Jahr etwas ruhiger.“
  • „Die Themen Gewicht, Mahlzeiten und Aussehen sind bei uns tabu.“

Dein Kind muss diese Grenzen nicht selbst verteidigen.

4. Rückzug erlauben – ohne Schuldgefühle

Wenn deinem Kind alles zu viel wird, unterstütze es dabei, seine Grenzen zu wahren. Hilfreich kann ein Spaziergang, etwas Zeit im eigenen Zimmer oder auch ein früheres Gehen vom großen Familienfest sein.

Das ist kein Rückschritt, sondern Selbstschutz. Nähe entsteht nicht durch Aushalten um jeden Preis.

5. Das Gespräch anbieten – ohne es zu erzwingen

Manchmal reicht ein Satz:

„Ich bin da, wenn du reden möchtest.“
„Du musst mir nichts erklären. Ich bin hier, wenn du mich brauchst.“

Nicht jedes Gespräch entsteht sofort. Wichtig ist, dass dein Kind spürt: Ich bin nicht allein.

Weihnachten mit Bulimie, Anorexie oder Essproblemen – Eltern müssen das nicht alleine tragen

Viele Eltern fühlen sich gerade in der Weihnachtszeit besonders hilflos. Zwischen Sorge, ständiger Wachsamkeit und dem Wunsch nach Normalität kann das sehr erschöpfend sein. Wichtig ist:
Du darfst selbst ebenfalls Unterstützung annehmen.

Wie eatappie in dieser Zeit begleiten kann

Gerade in emotional anspruchsvollen Phasen wie der Weihnachtszeit kann eine digitale Begleitung im Alltag stabilisierend wirken – ohne Druck, ohne Bewertung.

eatappie ist die App für Jugendliche mit Essstörungen. eatappie ersetzt keine Therapie, kann aber Jugendliche durch den Alltag begleiten, Struktur geben, Routinen unterstützen und zur Selbstreflexion einladen. Still, im eigenen Tempo und ohne ständige Gespräche am Familientisch.

Für viele Familien ist es entlastend zu wissen:
Das Kind ist nicht allein – und die Verantwortung liegt nicht ausschließlich auf den Schultern der Eltern.

Ein ruhiger Blick zum Schluss

Wenn Weihnachten dieses Jahr nicht leicht ist, dann ist das kein Versagen.
Nicht deines. Nicht das deines Kindes.

Manchmal bedeutet Fürsorge nicht, alles lösen zu müssen, sondern da zu bleiben, auch wenn es kompliziert ist.
Ein offenes Gespräch, Schutz vor Triggern und echte Geduld können mehr Halt geben, als man denkt.

Und falls du merkst, dass dich all das selbst sehr beschäftigt: Du musst damit nicht allein bleiben.
Unser Team aus Ärztinnen begleitet auch Eltern – mit Raum für Fragen, Unsicherheiten und Sorgen. Ab 2026 bieten wir zusätzlich zu eatappie eine Online-Beratung für Eltern an. Alle Informationen dazu findest du hier.

FAQ – Häufig gestellte Fragen zu Hilfe bei Essstörungen

Wann sollte ich mir Hilfe bei einer Essstörung suchen?

Sobald du merkst, dass Essen dein Leben bestimmt oder dir Angst macht, ist es Zeit, dir Unterstützung zu holen. Auch Angehörige sollten früh handeln, wenn sie Auffälligkeiten bemerken. Je eher Hilfe gesucht wird, desto besser sind die Chancen auf Heilung.

Welche Therapie ist am besten bei Essstörungen?

Es gibt nicht die eine „beste“ Therapie. Oft wird Verhaltenstherapie eingesetzt, bei Jugendlichen auch familienbasierte Ansätze wie FBT. Entscheidend ist, dass die Therapie zu dir passt und dass du dich bei der Therapeutin oder dem Therapeuten wohlfühlst.

Wie finde ich schnell einen Therapieplatz?

Viele Praxen haben Wartelisten. Hilfreich sind Anrufe bei mehreren Therapeut:innen, die Vermittlung über die 116117und Anfragen bei psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten. Auch Beratungsstellen können unterstützen. Wichtig: Gib nicht auf – jeder Anruf bringt dich weiter.

Können Apps eine Therapie ersetzen?

Nein, Apps sind keine Alternative zu einer Psychotherapie. Sie können aber eine wertvolle Ergänzung sein, z. B. um Wartezeiten zu überbrücken, deinen Alltag zu strukturieren oder Übungen zu machen. Die eatappie-App wurde speziell für Jugendliche entwickelt.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind betroffen ist?

Eltern sollten früh das Gespräch suchen, aufmerksam zuhören und professionelle Hilfe einbeziehen. Schuldzuweisungen sind nicht hilfreich – wichtiger sind Geduld, Verständnis und die Begleitung zu Terminen. Auch Selbsthilfegruppen für Angehörige können entlasten.

An wen kann ich mich in einer akuten Krise wenden?

In akuten Krisen, etwa bei starkem Untergewicht oder Suizidgedanken, solltest du sofort ärztliche Hilfe suchen – im Notfall über die 112. Auch die 116117 vermittelt schnell einen ärztlichen Termin. Zusätzlich gibt es telefonische und digitale Krisendienste, die rund um die Uhr erreichbar sind.