Essstörungen sind insgesamt bei jungen Menschen auf dem Vormarsch. Auch Jungen und Männer sind zunehmend betroffen. Dennoch äußert es sich bei ihnen oft etwas anders und es dauert länger, bis die Erkrankung erkannt und behandelt wird.
Wir haben uns mit Arne Bredemeyer diesbezüglich ausgetauscht – einem jungen Mann, der die Erkrankung überwunden hat.
Triggerwarnung: Dies ist ein persönlicher Bericht eines ehemals Betroffenen. Er enthält konkrete Beschreibungen von Krankheitssymptomen. Auf Gewichts- oder Kalorienangaben wird bewusst verzichtet.
Wir bemühen uns die Schilderungen therapeutisch einzuordnen, dennoch kann das Lesen für Menschen in einer Krise belastend sein.
Der Anfang: „Es hat sich langsam eingeschlichen“
Arne, wann ist dir das erste Mal aufgefallen, dass es dir mit dem Essen nicht mehr gut ging?
Bei mir hat das Ganze schon sehr früh angefangen – mit etwa 11 Jahren.
Meine Eltern haben damals bemerkt, dass ich plötzlich weniger gegessen habe. Ich habe mich oft gewogen, mich am Bauch gepackt und angefangen, mich stark mit meinem Körper zu beschäftigen.
Ich selbst kann mich an diese Zeit gar nicht mehr so klar erinnern. Aber es wurde irgendwann so auffällig, dass ich sogar ins Krankenhaus musste und eine Magensonde bekommen habe. Danach hat es erstmal für eine gewisse Zeit funktioniert. Ich war wieder zu Hause, wieder in der Schule und habe ungefähr zwei Jahre relativ stabil gelebt.
Aber dann kam dieser Druck wieder. Ich habe mich verglichen – mit Freunden, in der Schule, im Sport. Ich wollte gut sein, wollte meine Eltern stolz machen und irgendwie immer beweisen, dass ich genüge. Und genau da habe ich wieder angefangen, über das Essen Kontrolle zu bekommen.
Wenn Kontrolle zum Problem wird
Wie hat sich das bei dir entwickelt? Gab es einen bestimmten Moment, der dir in Erinnerung geblieben ist?
Es war ein schleichender Prozess.
Ich wollte gute Noten und Anerkennung in der Schule bekommen. Also habe ich angefangen, mir über andere Dinge Selbstwert aufzubauen.
Sport war so ein Bereich. Parallel dazu habe ich angefangen, mich immer mehr mit Ernährung zu beschäftigen – erst aus dem Gedanken heraus: „das ist gut für Sportler“. Aber irgendwann wurde aus Kontrolle Verzicht.
Ich habe Essen reduziert, Dinge weggeschmissen, meine Mutter belogen. Und dann wurde es extrem: heimlicher Sport, Schule geschwänzt, nachts um drei aufstehen, um zu trainieren. Das ist nicht von heute auf morgen passiert – das hat sich aufgebaut und immer weiter verstärkt.
Unsere therapeutische Sicht darauf:
Viele Angehörige berichten, dass sie ihre Lieben in der akuten Essstörung kaum wieder erkennen. Manipulationen und Lügen kommen häufig vor, um die ungesunden Verhaltensweisen aufrecht erhalten zu können.
Wichtig zu beachten: es handelt sich um eine Erkrankung. Niemand sucht sich bewusst aus krank zu werden!
„Die Stimme im Kopf wurde immer lauter“
Welche Gedanken oder Gefühle haben dich damals besonders beschäftigt?
Da war vor allem viel Angst und Traurigkeit.
Angst, nicht zu genügen.
Angst, jemanden zu enttäuschen – vor allem meine Eltern.
Und gleichzeitig dieser Gedanke: Ich muss es allen recht machen.
Ich habe versucht, nach außen stark zu wirken, aber innerlich war ich total angespannt und unsicher. Ich wollte es verheimlichen, unterdrücken, kontrollieren.
Rückblickend würde ich sagen: Ich habe mich selbst immer weiter verloren. Die Stimme der Essstörung im Kopf wurde immer lauter, und ich habe ihr irgendwann mehr vertraut als mir selbst.
Warum Essstörungen bei Männern oft später erkannt werden
Wie hat dein Umfeld auf deine Situation reagiert? Ist es jemandem aufgefallen?
Meine Eltern haben sehr früh gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Sie haben versucht, mich darauf aufmerksam zu machen und mir zu helfen – aber das ist natürlich extrem schwierig, aufgrund all der Emotionen. Dadurch ist auch viel Streit entstanden. Gerade für Angehörige ist das unglaublich schwer. Das erlebe ich heute auch in meiner Arbeit immer wieder: Eltern fühlen sich hilflos, wollen helfen, wissen aber oft nicht, wie sie ihr Kind erreichen können, ohne noch mehr Druck auszulösen.
Heute weiß ich: Meine Freunde haben sich eher zurückgezogen – nicht, weil es ihnen egal war, sondern weil sie Angst hatten, etwas Falsches zu sagen. Viele sind mit so einer Situation einfach überfordert.
Unsere therapeutische Sicht darauf:
Es kann nicht oft genug betont werden, wie wichtig es ist, die Betroffenen sowohl in den Schilderungen ihrer Symptome als auch in ihren Ängsten und Zweifeln ernst zu nehmen.
Für die Beratung und Behandlung ist unser Blick auf die betroffenen Jungen und Männer von besonderer Bedeutung.
Weitere Informationen und konkrete Tipps findet ihr auch in unserem Blogbeitrag: https://eatappie.de/essstorung-erkennen-handeln-hilfe-fur-eltern-angehorige/
Gab es besondere Hemmschwellen oder Hürden für dich?
Ich war meistens der einzige Mann in der Klinik. Natürlich habe ich gemerkt, dass viele Themen eher auf Frauen ausgerichtet waren.
Gesellschaftlich ist es auch heute noch so, dass Essstörungen oft als „Frauenproblem“ gesehen werden. Das macht die Hemmschwelle für Männer deutlich größer. Und gleichzeitig betrifft die Krankheit auch uns Männer massiv: Hormone, Sexualität, Gefühlswelt, Körperbild – alles wird komplett durcheinandergebracht.
Darüber wird nur viel zu wenig gesprochen.
Unsere therapeutische Sicht darauf:
Es kann hilfreich sein, die vermuteten Hemmschwellen und die Scham als Junge bzw. Mann an einer vermeintlich „weiblichen“ Störung zu leiden, von sich aus als beratende oder behandelnde Person anzusprechen. Dies kann den Betroffenen helfen, über diese Hürde hinwegzukommen. Gesellschaftlich ist es wichtig dieses Thema aufzugreifen und ernst zu nehmen
Der Weg in die Therapie: „Ich habe lange nur funktioniert“
Wie war dein Weg in die Behandlung?
Ich war insgesamt neunmal in der Klinik.
Aber ich habe es lange nicht für mich gemacht. Ich bin hingegangen, weil meine Eltern es wollten. Ich habe funktioniert, war der „Vorzeigepatient“, habe alles mitgemacht. Aber innerlich war ich nicht ehrlich. Ich wollte einfach nur schnell wieder raus.
Der entscheidende Unterschied kam erst viel später: als es wirklich gefährlich wurde und ich angefangen habe, mich und die Krankheit zu hinterfragen. Erst dann konnte ich Therapie wirklich für mich annehmen. Und erst da wurde sie auch wirksam.
Das war ein langer Weg – und genau deshalb habe ich heute so viel Respekt vor jedem Menschen, der ehrlich sagt: Ich brauche Hilfe.
Unsere therapeutische Sicht darauf:
Viele Betroffene von Essstörungen haben den Anspruch es perfekt zu machen. Sowohl bei den Symptomen als auch später in der Rolle des Patienten. Das Thema Perfektionismus kann auch in einer Behandlung angegangen werden und gehört zum Beispiel bei eatappie zu den optionalen Modulen dazu.
Hattest du das Gefühl, dass Behandelnde anders mit dir umgehen als mit weiblichen Mitpatientinnen?
In der Klinik selbst hatte ich nicht das Gefühl, schlechter behandelt zu werden. Aber ich habe natürlich gemerkt, dass ich oft der einzige Mann war – und das zeigt schon, wie das Thema gesellschaftlich eingeordnet wird.
Gerade deshalb ist es so wichtig, Jungen und Männer in diesem Kontext sichtbarer zu machen und ernst zu nehmen.
Der Moment, der alles verändert hat
Was hat dir besonders geholfen, die Erkrankung zu überwinden?
Meine Familie war ein riesiger Faktor. Ohne sie wäre ich heute nicht hier. Ich bin immer noch beeindruckt, wie viel sie für mich getan haben und was wir gemeinsam durchgestanden haben. Auch meine Schwester musste oft zurückstecken.
Aber der entscheidende Wendepunkt kam später. Ich bin nach Timmendorfer Strand gezogen, habe dort eine Ausbildung angefangen und war zum ersten Mal komplett auf mich gestellt. Drei Monate lang war ich eigentlich nur ich und die Krankheit. Ich konnte sie komplett ausleben – von morgens bis abends kaum essen, nur Bewegung, immer mehr abnehmen. Ein richtiger Strudel.
Und genau da kam irgendwann die Erkenntnis:
Wofür mache ich das eigentlich alles?
Dann kam ein Gespräch – und die klare Aussage eines Arztes:
„Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bald tot.„
Das war der Moment, in dem ich angefangen habe, ehrlich zu werden. Zu mir selbst. Und das war der Beginn meiner echten Entwicklung.
Später kam noch etwas sehr Wichtiges dazu: die Arbeit mit meinem heutigen Chef Frank Schoppe. Bei ihm war ich das erste Mal nicht nur „Arne, der Patient“, sondern ein Mensch mit Potenzial. Das hat unglaublich viel in mir verändert. Ich habe gemerkt, dass diese Stimme in meinem Kopf mir ganz viel Blödsinn erzählt.
Heute macht mir genau diese Arbeit selbst wahnsinnig viel Freude: Menschen auf Augenhöhe zu begleiten, Potenziale sichtbar zu machen und nicht nur auf Symptome zu schauen.
„Ich wollte immer stark sein und es selbst schaffen“
Gab es Momente von Scham oder Zweifel, Hilfe anzunehmen?
Ja, sehr viele.
Ich wollte immer stark sein, wollte es selbst schaffen. Ich habe mich geschämt und gleichzeitig alles überspielt, weil ich dachte, ich würde sonst enttäuschen. Diese Mischung aus Scham, Stolz und Angst war sehr präsent.
Gerade deshalb weiß ich heute, wie schwer es vielen Betroffenen fällt, sich wirklich zu öffnen.
Unsere therapeutische Sicht darauf:
Sich selbst einzugestehen, dass man die Erkrankung nicht mehr gut kontrollieren kann und aus dem Teufelskreis nicht mehr alleine heraus kommt, ist ein großer erster Schritt. Weder Ärzte noch Therapeuten verurteilen Patienten dafür, dass sie krank wurden oder Hilfe suchen. Im Gegenteil, wir möchten jede:n, der sich belastet fühlt, ermutigen Unterstützung anzunehmen. Sich gut um sich selbst zu kümmern und sich der Erkrankung zu stellen, beweist Kraft und Mut!
Welche Ressourcen oder Strategien aus deiner Geschichte könnten für andere Betroffene hilfreich sein?
Ein ganz wichtiger Punkt ist: Essstörungen haben fast nie nur mit Essen zu tun. Bei mir ging es um Kontrolle, Selbstwert, Druck und die Frage, wie ich eigentlich auf mich selbst schaue.
Heute arbeite ich selbst in der Prävention und in der Persönlichkeitsentwicklung – mit jungen Menschen, mit und ohne Essstörung. Fragen wie: Warum ticke ich so? Was treibt mich an? Was versuche ich eigentlich zu kompensieren? – das sind Fragen, die ich nach vielen Jahren erst wirklich ehrlich beantworten konnte.
Und genau darin liegt oft ein Schlüssel. Nicht nur Symptome bekämpfen, sondern sich selbst besser verstehen.
In der Arbeit mit Frank Schoppe und später auch in meiner eigenen Begleitung von Klientinnen und Klienten habe ich gemerkt, wie kraftvoll es ist, wenn Menschen sich nicht nur als „Problemfall“ erleben, sondern wieder Zugang zu ihrem Potenzial bekommen. Genau das gebe ich heute weiter – in der Arbeit mit jungen Menschen, in Präventionsprojekten, im Austausch mit Eltern und in meiner Begleitung auf Augenhöhe.
Deine Botschaft an andere Männer
Was möchtest du anderen betroffenen Jungen und Männern mitgeben?
Such dir Menschen, denen du vertraust. Du musst das nicht alleine mit dir ausmachen. Und wenn du dich in diesen Gedanken wiederfindest, dann darfst du dir Hilfe holen – ohne dich dafür zu schämen.
Was würdest du jemandem raten, der gerade am Anfang seines Heilungswegs steht?
Es ist ein Prozess.
Es wird Rückschritte geben.
Es wird schwere Tage geben.
Aber es lohnt sich.
Und das Wichtigste ist: Sei ehrlich. Ehrlich zu dir selbst, ehrlich zu denen, die dich begleiten. Heilung bedeutet nicht, sofort alles perfekt zu machen. Es bedeutet, dranzubleiben, auch wenn es mal wackelt.
Ich selbst habe lange gebraucht. Deshalb weiß ich: Entwicklung ist möglich – auch wenn man zwischendurch glaubt, dass sich nie etwas ändern wird.
Heute lebe ich ein Leben, von dem ich vor einigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Und genau deshalb möchte ich anderen Mut machen.
Wer sich in meiner Geschichte wiederfindet oder Fragen hat, darf sich gerne melden.
Du hast Fragen an Arne? Gerne kannst du dich über folgende Kontaktmöglichkeiten mit ihm in Verbindung setzen:
E-Mail: arne@frankschoppe.de
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Weiterführende Quellen: https://maennermitessstoerung.ruhr-uni-bochum.de/fachpersonen/literatur/

